Die Piraten und die Esoterik

Und wieder machen die Berliner Piraten mit Schlagzeilen auf sich aufmerksam und wieder sind diese nicht gerade positiver Natur.
Krude Esoterik - Die Piraten haben den Wertepluralismus falsch verstanden (Der Tagesspiegel)
Die Berliner Piraten und die Esoterik (ScienceBlogs)
Es geht, um die Berliner Fraktionsgeschäftsführerin Daniela Scherler. Diese Frau Scherler gibt (Medizin)Seminare, welche esoterischer und nicht wissenschaftlicher Natur sind.
Das Problem ist, dass sie auch Meinungen zur Entstehung von Krankheiten kundtut, die nicht so ganz unproblematisch sind.
In ihrem Buch
Du hast die Macht über Dich!: Selbstbestimmt leben - ein Leitfaden für junge Menschen
hängt sie der in esoterischen Kreisen recht weit verbreiteten Meinung an, dass der Mensch für seine Krankheiten selbst verantwortlich wäre (sei es durch schlechtes Karma aus früheren Leben oder wie hier durch eigene schlechte Einstellung zu sich selbst). Auch empfiehlt sie anscheinend des Öfteren Bücher von Rüdiger Dahlke, einem Anhänger der neuen Germanischen Medizin, welches kein naturwissenschaftliches Fundament besitzt.
Es gab ja in den vergangenen Wochen schon einige Diskussionen, wer bei den Piraten mitmachen können soll und wer draußen zu bleiben hat. Dies waren
Und bei den konkreten Parteiposten
Nun also auch die Frage, ob Esoteriker überhaupt in der Piratenpartei erwünscht bzw. tolerierbar sind und ob diese gar ein Parteiamt oder ein Amt für die Partei in Anspruch nehmen dürfen.
Ich gebe zu, mir fällt diese Antwort sehr schwer. Ich bin zwar nicht esoterisch veranlagt und halte von den ganzen Esotheorien, Esotherapien, etc.. nicht sonderlich viel, aber meine persönliche Sicht kann ich schlecht einfach als allgemeine Betrachtungsweise postulieren.
Es gibt m.E. nach drei Dinge, die bei dieser Diskussion zu beachten sind.
1) Menschen funktionieren nicht alle nur nach rein rationalen-wissenschaftlichen Kriterien
Viele Menschen haben das Bedürfnis nach Erklärungsmustern und Behandlungen, die außerhalb unserer rein technisch-wissenschaftlichen Sicht der Dinge liegen. Im Bereich der Medizin dürfte in Deutschland das größte Spannungsverhältnis zwischen der Schulmedizin und der Homöopathie liegen.
Nach rein technisch-wissenschaftlicher Ansicht ist Homöopathie wirkungslos, da weder der Wirkmechanismus wissenschaftlich nachgewiesen werden kann (Stichwort „Schwingungen“), noch nach mancherlei Studie eine Erfolgsrate oberhalb des Placebo Effekts zu verzeichnen ist.
Medizinische Studie - Homöopathie beruht auf Einbildung (Spiegel)
Dieses wird von Homöopathiebefürwortern wiederum kritisiert.
Dr. Friedrich Dellmour: »Klinische Studien und Metaanalysen in der Homöopathie«
Die entscheidende Frage ist die, ob es zu einer freiheitlichen Gesellschaft passt, nur die rein technisch-wissenschaftliche Ansicht zuzulassen und andere Sichtweisen, die dieser entgegenstehen, auszuschließen? Denn der Placebo Effekt existiert tatsächlich.
Placeboeffekt Kein Hirngespinst (FAZ)
Symptomatisch für die Problematik ist folgendes Zitat:
Der Wissenschaftliche Beirat hält in seiner Stellungnahme auch die bewusste Verwendung von Placebos für gerechtfertigt. Allerdings darf dem Patienten keine wirkungsvolle Therapie vorenthalten werden, und die Beschwerden sollten gering sein. Die Patienten müssten zudem über die Placebo Anwendung aufgeklärt werden. Um die Wirkung nicht zu gefährden, hält Jütte einen Satz folgender Art für angemessen: „Sie erhalten jetzt kein Standardmedikament, aber wir wissen aus der Placeboforschung, dass auch diese Substanzen wirken.“ Wenn der Patient genügend Vertrauen hat, tritt eine Wirkung ein. Die Stellungnahme empfiehlt auch, Ärzte und Ärztinnen bereits während der Ausbildung sowie in der Fort- und Weiterbildung mit den Erkenntnissen der Placebo Forschung vertraut zu machen.
Hier merkt man, wie schwer sich die medizinische Wissenschaft damit tut, den Placebo Effekt zu nutzen, aber auch gleichzeitig diesen nicht zum Bestandteil der medizinischen Lehre zu machen. Der fett herausgehobene Satz verdeutlicht den Versuch der Quadratur des Kreises, indem der Placebo Effekt auch dann genutzt werden soll, wenn der Patient erfährt, dass es ein Placebo ist. Aber dadurch, dass der Placeboeffekt existiert, kann man die alternativen Heilmethoden nicht kategorisch ausschließen, denn wie nun eine Gesundung eintritt, ist für den Kranken nebensächlich. Und wenn es halt seine Vorstellungskraft und sein Glauben bewirkt, dann halte ich es für falsch dies pauschal abzuqualifizieren.
Nun ist ja die Problematik bei Frau Scherler nicht nur da zu sehen, dass ihre Heilmethoden wissenschaftlich nicht verifizierbar sind und deswegen als Unsinn qualifiziert werden müssen, sondern sie gibt auch noch den Kranken die Schuld für ihre Krankheit, ebenfalls aufgrund von Theorien, welche keine wissenschaftliche Grundlage haben.
Hier wäre für mich aber die große Frage, ob auch hier ein Placeboeffekt auftritt und manchen ihrer Seminarteilnehmer dadurch (wenn auch indirekt) gesundheitlich geholfen werden konnte oder ob ihre Seminare tatsächlich immer nur negativ gewirkt haben, in dem diese zum einen die Krankheit nicht heilen (oder zumindest lindern) konnten und zum anderen auch noch die Psyche belasten, in dem die Kranken sich auch noch Schuldvorwürfe machen müssen, weil sie ja mit ihrer Einstellung zumindest teilweise Schuld an ihrer Krankheit haben?
Ich kann nicht beurteilen, wie die Seminare wirklich aussehen und welchen Eindruck & Wirkung diese auf die kranken Teilnehmer hinterlassen haben.
Jedoch sollte man esoterische Sichtweisen, wenn es um medizinische Behandlung geht auch nicht nur als reine Privatsache ansehen.
Im Fall des krebskranken Dominik hat die irrationale Vitamingläubigkeit des Dr. Rath ihm das Leben gekostet.
Scharlatane - Vermarktung bis in den Tod (Spiegel)
Ein ähnlicher Fall war das der krebskranken Olivia, deren Eltern fast bis zum bitteren Ende an die Neue Germanische Medizin von Hamer glaubten und sie deswegen beinahe gestorben wäre.
Kampf gegen die Stärksten (Spiegel)
Hier sieht man wie gefährlich und schädlich der Glaube an Hamer und der (antisemitischen) Neuen Germanischen Medizin sein kann. Aber in dem Artikel ist auch folgendes zu lesen.
Nicht länger als allwissender Retter dürfe sich der Arzt aufspielen, eher in der Rolle des Begleiters und Gefährten für den Kranken verwirkliche er seinen Beruf. Eine "realistische Medizin, eine Medizin nach Maß" sei vonnöten, die "das Defekt-Reparatur-Modell der Krankheit", das die Schulmedizin noch immer bestimme, hinter sich läßt.
Unter Medizinern bahnt sich ein Paradigmen-Wechsel an. Mehr und mehr nehmen Ärzte zur Kenntnis, daß Körper und Seele sich nicht scharf trennen lassen. Beide sind miteinander verwoben und wirken aufeinander ein.
Speziell die Ergebnisse eines relativ neuen Wissenschaftszweiges, der Psychoneuroimmunologie, haben bisherige Vorstellungen von Krankheit verändert. Onkologe Gallmeier: "Ganze Organsysteme, von denen man bisher glaubte, sie funktionieren unabhängig voneinander, kommunizieren miteinander. Jede Zelle weiß um die Probleme der anderen und des Ganzen.
Ich denke hier liegt der Hund begraben und dies ist der Grund, weshalb so viele Menschen nach alternativen Heilmethoden und Erklärungsmustern suchen, außerhalb der reinen Schulmedizin. Viele Menschen wollen Körper und Seele nicht trennen und da die Schulmedizin bisher rein auf den körperlich-technischen Aspekt schielt, so wird der Anteil der Menschen, die esoterische Sichtweisen zumindest teilweise übernehmen, weiterhin groß bleiben.
Eine Abwägung, wie viel Esoterik als gut (oder als nicht schädlich) und sinnvoll aufgefasst werden kann und wann es wirklich gefährlich wird (z.B. indem man wirksame schulmedizinische Krebstherapien verhindert und stattdessen auf HokusPokus vertraut) ist eine sehr schwierige Angelegenheit.
2) Kein Beweis für absichtlichen Betrug von Daniela Scherer
Häufig wird auch angemerkt, dass die Piratenpartei niemanden dulden könne, welcher ABSICHTLICH das Leid der Menschen ausnutzt, sie täuscht und dies zum eigenen (monetären) Vorteil geschieht.
An sich auch eine richtige Forderung, aber man sollte dann doch auch vorsichtiger sein, bevor man anderen Menschen unterstellt, dass diese absichtlich andere Menschen täuschen. Nicht jeder Eso tut nur so, als würde er an das glauben, was er preisgibt, sondern tut es tatsächlich!
Das mag in der Praxis häufig keinen großen Unterschied machen (ob ein Kind eine lebensrettende Krebstherapie versagt bekommt, weil der Esoguru es verbietet und weiß, dass er Unrecht hat mit seiner Alternativmedizin oder ob der Esoguru es verbietet, weil dieser tatsächlich an die Wirksamkeit seiner Alternativmedizin glaubt, macht keinen praktischen Unterschied), aber es macht, zumindest für mich, schon einen Unterschied, ob eine Frau bei den Piraten angestellt wäre, die weiß, dass sie Humbug verzapft oder ob sie selber an ihre Thesen glaubt.
Einen Beweis, dass sie absichtlich Menschen zu ihrem eigenen (monetären) Vorteil täuscht, sehe ich nicht.
3) Jutta Ditfurth und Esowatch
In dieser Debatte wurden zwei Namen am häufigsten genannt. Dies sind Jutta Ditfurth und die Seite Esowatch.
An sich finde ich die Seite Esowatch ziemlich gut, da dort über allerlei Scharlatanerie aufgeklärt wird. Doch ich muss Esowatch dennoch den Vorwurf machen, nicht wirklich objektiv zu „watchen“, sondern mit einer klaren einseitigen Grundeinstellung ans Werk zu gehen. Dies wird der Skeptikerbewegung ja auch allgemein vorgeworfen.
Auch das Wissenschaftsblog ScienceBlogs hat dieses thematisiert gehabt.
Sind wir Kirk oder Spock? (ScienceBlogs)
Zudem stehen auf Esowatch auch einige sehr einseitige und wirre Dinge über Veganer und Tierrechte, die ich als solche auch so bezeichnen kann, da ich mich in diesem Bereich gut auskenne.
Dass Veganer nämlich längst nicht so beschrieben werden können, wie es auf Esowatch nachzulesen ist, ist selbst auf Wissenschaftsseiten wie auf den ScienceBlogs zu nachzulesen.
Geheimnisvolle Veganer (ScienceBlogs)
Dieselben Kritikpunkte sind auch bei Jutta Ditfurth anzumerken, welche in ihrem Buch
Entspannt in die Barbarei (Amazon)
ebenfalls viel krudes Zeug über Veganer und Tierrechte geschrieben hat, was der Glaubwürdigkeit des Gesamtwerks schadet.
Das heisst nicht, dass die Ansichten der Seiten von Esowatch oder Jutta Dittfurth generell unbrauchbar wären. Im Gegenteil, der Großteil der Informationen ist wirklich brauchbar und wichtig. Aber eine wirkliche Autorität, auf auf deren Meinungen man sich blind verlassen könnte, stellen sie nicht dar.
Fazit
Für mich ist das hier eine sehr schwierige Frage. Einerseits darf man Esoterik nicht verharmlosen und pauschal zur Privatsache deklarieren, da es für Menschen auch tödliche Folgen haben kann. Andererseits sollte man es auch tunlichst unterlassen die technisch-naturwissenschaftliche Sicht der Dinge als die einzig richtige zu halten und andere Sichtweisen pauschal als minderwertig und gefährlich abzutun, da dies einfach nicht den menschlichen Bedürfnissen entspricht.
In diesem Fall bräuchte ich mehr Hintergrundinformationen. Beispielsweise würde ich gerne wissen, inwiefern sie Hamer und die Neue Germanische Medizin propagiert. Lehnt sie beispielsweise einige seiner Thesen ab (z.B. die antisemitischen Bestandteile)? Fordert sie ihre Kursteilnehmer auf, sich auch weiterhin schulmedizinisch behandeln zu lassen oder rät sie davon ab?
Es ist aus der Ferne sehr schwierig diesen Fall wirklich objektiv zu betrachten. Ich kann aber die Berliner Piraten schon verstehen, wenn man sich dort nicht zu stark auf eine pauschale esoterikkritische Schiene begeben will.
Was ich gut fände, wäre eine persönliche Stellungnahme von Daniela Scherler, wie sie zu den ihr vorgetragenen Vorwürfen und ihren Heilansichten steht. Dann hätte man eine breitere Bewertungsgrundlage als mit den wenigen Buzzwords, die man in den Medien vernehmen konnte.
Update
Also wenn folgende Passagen wirklich in ihrem Buch stehen, dann ist die Grenze von hinnehmbarer Esoterik überschritten.
Ich war davon überzeugt, dass es [...] mir gut tun würde und ich die Zeit locker überlebe. Wie viele andere vor mir bin ich nicht verhungert, sondern habe innerlich entschlackt. Es gibt Menschen, die in ähnlichen Situationen sterben, weil sie noch in ihrem begrenzten Ego-Denken gefangen sind. So habe ich letztens von einem Flugzeugunglück in den Bergen gehört, bei dem einige der Überlebenden starben, nachdem sie drei Tage ohne Essen geblieben waren. Und das, weil sie sich nicht vorstellen konnten, länger ohne Essen zu überleben. Sie manifestierten so unbewusst ihr Verhungern.





Kommentare (4)
Wiesodenn
http://books.google.ch/books?id=shkC1BuLdb0C&pg=PA1&hl=de&source=gbs_selected_pages&cad=3#v=snippet&q=Verhungern&f=false
matthiasheppner
UrbanP1rate
Wie gefährlich ist es denn jetzt, was sie schreibt?
matthiasheppner
http://lichtnahrung.jimdo.com/mein_lichtnahrungsprozess_57474009.php
Hier hat das Mädchen wohl keine schwerwiegenden Folgeschäden beibehalten, aber es zeigt die Gefahr, die von solchen Thesen ausgehen und von Menschen für bare Münze gehalten werden.
Durch solche Theorien, dass der Körper im Grunde nur durch geistige Selbstkontrolle gesteuert werden kann und nicht notwendigerweise von materiellen Begebenheiten (wie eben Nahrungsaufnahme) abhängig ist, kann dies zu Tragödien führen.